Vielleicht kennst du das:
- Deine ursprüngliche Verletzung ist längst verheilt, doch die Schmerzen bleiben.
- Oder sie breiten sich sogar weiter aus – vom Rücken in die Hüfte, vom Knie ins ganze Bein.
- Manchmal zeigen Röntgen oder MRT „keinen Schaden“ – und trotzdem ist der Schmerz real.
Ein Schlüssel, das zu verstehen, heißt zentrale Sensibilisierung.
Peripher vs. zentral – der entscheidende Unterschied
Stell dir dein Nervensystem wie eine Alarmanlage vor:
- Periphere Sensibilisierung: Die Sensoren direkt am Fenster oder der Tür sind zu empfindlich eingestellt – jeder kleine Windstoß löst Alarm aus.
- Zentrale Sensibilisierung: Die Zentrale wertet jedes kleine Signal übertrieben als Gefahr – selbst wenn die Sensoren draußen gar nichts Auffälliges melden.
👉 Das heißt:
- Peripher = Überempfindlichkeit direkt am betroffenen Gewebe.
- Zentral = Überempfindlichkeit in der „Verarbeitungszentrale“ Rückenmark und Gehirn.
Was passiert bei zentraler Sensibilisierung?
- Nervenzellen im Rückenmark werden dauerhaft überaktiv.
- Botenstoffe wie Glutamat oder Substanz P verstärken die Signalübertragung.
- Dein Gehirn speichert Schmerzreize ab und „erwartet“ sie schneller.
- Harmloseste Reize werden dadurch als gefährlich eingestuft.
👉 Ergebnis: Dein Nervensystem fährt den Schmerz „hoch“, auch wenn im Gewebe längst nichts Bedrohliches mehr ist.
Typische Anzeichen für zentrale Sensibilisierung
- Schmerzen bleiben bestehen, obwohl die ursprüngliche Ursache abgeheilt ist.
- Beschwerden breiten sich aus (z. B. vom Rücken in die Beine).
- Leichte Reize wie Berührung oder normale Bewegung tun unverhältnismäßig weh.
- Stress, Schlafmangel oder Überforderung verstärken die Schmerzen.
- Befunde aus MRT oder Röntgen passen nicht zur Schmerzstärke.
Beispiele aus dem Alltag
- Nach einem Bandscheibenvorfall sind die Strukturen längst stabil – trotzdem schmerzt der Rücken dauerhaft, manchmal stärker als am Anfang.
- Eine Schulterentzündung ist abgeklungen – aber nun zieht der Schmerz auch in den Nacken und Oberarm.
- Menschen mit langjährigen Rückenschmerzen berichten: Schon 20 Minuten Sitzen fühlen sich schlimmer an als ein schweres Training früher.
👉 Diese Beispiele zeigen: Nicht das Gewebe ist das Problem – sondern die Dauererregung deines Nervensystems.
Die Schmerzampel bei zentraler Sensibilisierung
Auch hier gilt die Schmerzampel – aber mit einem besonderen Fokus auf Langzeitstrategie:
- 🟢 Grün (0–3 von 10): leichter Schmerz, gut auszuhalten, verschwindet schnell → Aktivität fortsetzen, Nervensystem beruhigt sich mit der Zeit.
- 🟡 Gelb (4–5 von 10): mäßiger Schmerz, spürbar, aber akzeptabel → Belastung anpassen, Pausen machen, trotzdem in Bewegung bleiben.
- 🔴 Rot (6–10 von 10): starker Schmerz, einschränkend, hält nach Belastung an → Aktivität stoppen, ggf. therapeutische Rücksprache.
👉 Unterschied zum peripheren Modell: Bei zentraler Sensibilisierung bedeutet „Grün bleiben“ nicht nur sicher bewegen, sondern vor allem das Nervensystem langfristig wieder trainieren.
Was du konkret tun kannst
- Bewegung als Training fürs Nervensystem
Auch wenn Schmerzen bleiben: Regelmäßige, sanfte Bewegung zeigt deinem Gehirn, dass du sicher bist. - Graded Exposure (Belastung in Stufen)
Langsam steigern – dein Nervensystem gewöhnt sich Stück für Stück an normale Reize. - Stressmanagement
Stress und Sorgen verstärken zentrale Sensibilisierung. Atemübungen, Pausen und Schlaf sind hier echte „Medizin“. - Wissen nutzen
Wenn du verstehst, dass der Schmerz aus einer Überempfindlichkeit des Nervensystems kommt, verlierst du die Angst vor „unsichtbaren Schäden“.
Fazit
- Peripher = Schmerz entsteht lokal, direkt am Gewebe.
- Zentral = Schmerz entsteht, weil das Nervensystem die Signale übertreibt.
- Typisch: Ausbreitung, Dauerhaftigkeit, „unerklärliche“ Schmerzen trotz unauffälliger Befunde.
- Mit Wissen, Bewegung und Stresskontrolle kannst du dein Nervensystem wieder beruhigen.
Dein nächster Schritt
Dies ist der zweite Premium-Artikel der Schmerzreihe.
Damit hast du nun beide Mechanismen verstanden:
- Peripher = die lokalen Sensoren.
- Zentral = die Zentrale selbst.
In weiteren Premium-Artikeln findest du:
- Warum „Verschleiß“ nicht automatisch Schmerzen bedeutet.
- Warum Bildgebung oft mehr verunsichert als erklärt.
👉 So baust du dir Schritt für Schritt ein tiefes Verständnis auf – und gewinnst mehr Sicherheit im Umgang mit deinem Körper.
Quellenangaben
- Hoegh, M. (2023). Pain Science in Practice: Central Sensitization. J Orthop Sports Phys Ther. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36722100/
- Ji, R-R., Kohno, T., Moore, K. A., Woolf, C. J. (2003). Central sensitization and LTP: do pain and memory share similar mechanisms? Trends Neurosci, 26:696–705. https://doi.org/10.1016/j.tins.2003.09.017

