Zentrale Sensibilisierung – wenn die Schmerzzentrale überreagiert (Teil 4)

Vielleicht kennst du das:

  • Deine ursprüngliche Verletzung ist längst verheilt, doch die Schmerzen bleiben.
  • Oder sie breiten sich sogar weiter aus – vom Rücken in die Hüfte, vom Knie ins ganze Bein.
  • Manchmal zeigen Röntgen oder MRT „keinen Schaden“ – und trotzdem ist der Schmerz real.

Ein Schlüssel, das zu verstehen, heißt zentrale Sensibilisierung.


Peripher vs. zentral – der entscheidende Unterschied

Stell dir dein Nervensystem wie eine Alarmanlage vor:

  • Periphere Sensibilisierung: Die Sensoren direkt am Fenster oder der Tür sind zu empfindlich eingestellt – jeder kleine Windstoß löst Alarm aus.
  • Zentrale Sensibilisierung: Die Zentrale wertet jedes kleine Signal übertrieben als Gefahr – selbst wenn die Sensoren draußen gar nichts Auffälliges melden.

👉 Das heißt:

  • Peripher = Überempfindlichkeit direkt am betroffenen Gewebe.
  • Zentral = Überempfindlichkeit in der „Verarbeitungszentrale“ Rückenmark und Gehirn.

Was passiert bei zentraler Sensibilisierung?

  • Nervenzellen im Rückenmark werden dauerhaft überaktiv.
  • Botenstoffe wie Glutamat oder Substanz P verstärken die Signalübertragung.
  • Dein Gehirn speichert Schmerzreize ab und „erwartet“ sie schneller.
  • Harmloseste Reize werden dadurch als gefährlich eingestuft.

👉 Ergebnis: Dein Nervensystem fährt den Schmerz „hoch“, auch wenn im Gewebe längst nichts Bedrohliches mehr ist.


Typische Anzeichen für zentrale Sensibilisierung

  • Schmerzen bleiben bestehen, obwohl die ursprüngliche Ursache abgeheilt ist.
  • Beschwerden breiten sich aus (z. B. vom Rücken in die Beine).
  • Leichte Reize wie Berührung oder normale Bewegung tun unverhältnismäßig weh.
  • Stress, Schlafmangel oder Überforderung verstärken die Schmerzen.
  • Befunde aus MRT oder Röntgen passen nicht zur Schmerzstärke.

Beispiele aus dem Alltag

  • Nach einem Bandscheibenvorfall sind die Strukturen längst stabil – trotzdem schmerzt der Rücken dauerhaft, manchmal stärker als am Anfang.
  • Eine Schulterentzündung ist abgeklungen – aber nun zieht der Schmerz auch in den Nacken und Oberarm.
  • Menschen mit langjährigen Rückenschmerzen berichten: Schon 20 Minuten Sitzen fühlen sich schlimmer an als ein schweres Training früher.

👉 Diese Beispiele zeigen: Nicht das Gewebe ist das Problem – sondern die Dauererregung deines Nervensystems.


Die Schmerzampel bei zentraler Sensibilisierung

Auch hier gilt die Schmerzampel – aber mit einem besonderen Fokus auf Langzeitstrategie:

  • 🟢 Grün (0–3 von 10): leichter Schmerz, gut auszuhalten, verschwindet schnell → Aktivität fortsetzen, Nervensystem beruhigt sich mit der Zeit.
  • 🟡 Gelb (4–5 von 10): mäßiger Schmerz, spürbar, aber akzeptabel → Belastung anpassen, Pausen machen, trotzdem in Bewegung bleiben.
  • 🔴 Rot (6–10 von 10): starker Schmerz, einschränkend, hält nach Belastung an → Aktivität stoppen, ggf. therapeutische Rücksprache.

👉 Unterschied zum peripheren Modell: Bei zentraler Sensibilisierung bedeutet „Grün bleiben“ nicht nur sicher bewegen, sondern vor allem das Nervensystem langfristig wieder trainieren.


Was du konkret tun kannst

  1. Bewegung als Training fürs Nervensystem
    Auch wenn Schmerzen bleiben: Regelmäßige, sanfte Bewegung zeigt deinem Gehirn, dass du sicher bist.
  2. Graded Exposure (Belastung in Stufen)
    Langsam steigern – dein Nervensystem gewöhnt sich Stück für Stück an normale Reize.
  3. Stressmanagement
    Stress und Sorgen verstärken zentrale Sensibilisierung. Atemübungen, Pausen und Schlaf sind hier echte „Medizin“.
  4. Wissen nutzen
    Wenn du verstehst, dass der Schmerz aus einer Überempfindlichkeit des Nervensystems kommt, verlierst du die Angst vor „unsichtbaren Schäden“.

Fazit

  • Peripher = Schmerz entsteht lokal, direkt am Gewebe.
  • Zentral = Schmerz entsteht, weil das Nervensystem die Signale übertreibt.
  • Typisch: Ausbreitung, Dauerhaftigkeit, „unerklärliche“ Schmerzen trotz unauffälliger Befunde.
  • Mit Wissen, Bewegung und Stresskontrolle kannst du dein Nervensystem wieder beruhigen.

Dein nächster Schritt

Dies ist der zweite Premium-Artikel der Schmerzreihe.
Damit hast du nun beide Mechanismen verstanden:

  • Peripher = die lokalen Sensoren.
  • Zentral = die Zentrale selbst.

In weiteren Premium-Artikeln findest du:

  • Warum „Verschleiß“ nicht automatisch Schmerzen bedeutet.
  • Warum Bildgebung oft mehr verunsichert als erklärt.

👉 So baust du dir Schritt für Schritt ein tiefes Verständnis auf – und gewinnst mehr Sicherheit im Umgang mit deinem Körper.


Quellenangaben